Neunundsechzigster Einwurf des Ziegelbrenners

Der „Geh weg, altes Jahr“-Jahresend-Einwurf

Liebe lesende Gemeinde,

wer noch einen altmodischen Abreißkalender vor sich hat, kann es ganz genau beobachten: bald ist wieder ein Jahr alle. Damit naht auch ein Ereignis, das höchst unterschiedlich gewürdigt wird. Ein Ereignis, das die einen in die Flucht treibt, in die innere Verdrängung oder die Südsee, bloß möglichst weit weg von allem, was familiäre Gefühligkeit begehren könnte, andere hingegen zu exzessivem Kaufrausch und Hektik; während wiederum andere das alles irgendwie tiefenentspannter sehen – man nimmt das Unvermeidliche eben, wie es kommt – oder sich nach alternativen Möglichkeiten der Festtagsgestaltung umsehen. Es braucht jedoch nicht den Kalender, um festzustellen, dass in den mitteleuropäischen Breitengraden momentan jahreszeitbedingt doch eher wenig Licht und Sonne ist. So oder so: es ist Lesezeit – zum selberlesen oder verschenken. Denn Bücher sind die Software fürs Hirn und ein Fest für den Geist!

Also – versorgt euch mit intelligentem Lesefutter – bis zum 15.12. innerhalb von Deutschland portofrei!

Hier nun ein paar Tipps zu Besonderheiten aus dem Ziegelbrenner-Shop. Das meiste ist nur einmal vorhanden – wer zuerst bestellt…

So ist hier ein wirklich prachtvoller, verschenktauglicher, Band zum Leben auf den Almen lieferbar. Eine wunderbare Synthese aus sensiblen Texten und exzellenten Fotos.

Der geflügelte Bleistift“ ist ein passendes Jahresend-Geschenk für Kids wie Erwachsene: jede Menge Spielideen und Aktionen rund ums Schreiben & Lesen, ein Praxishandbuch mit einer Fülle von Aktionsvorschlägen, zum Beispiel für Literaturwanderwege, Bücherdetektiv-Spiele und Schreibwerkstätten.

„Denken ist gefährlich“, heißt ein Film über Hannah Arendt. Hannah Arendt ist immer wieder neu zu entdecken, so mit ihrem Band „Wahrheit und Lüge in der Politik“, dessen beide Texte nach über 50 Jahren geradezu verstörend aktuell sind.

Mit „Franz K.“ kam nun auch ein Film zum Leben von Franz Kafka in die Kinos – eine Einladung, mal wieder etwas von und/ oder über Kafka zu lesen. Kafka-Biographien zum Lesen gibt’s einige – im Ziegelbrenner-Shop z.B. die von Michael Löwy und Ronald Hayman.

Auch wer meint, schon alles über Karl May zu wissen, wird in dieser Biographie von Rüdiger Schaper immer noch Überraschendes entdecken.

Neulich stolperte ich in Udine, im italienischen Friaul, über die Spuren der Fotografin und Sozialistin Tina Modotti, deren Biographie hier vorliegt.

Vor 100 Jahren gab Max Winter einen utopischen Blick auf das Jahr 2025, der vom geschätzten Erich Hackl gelobt wurde. In der – nicht eingelösten – Utopie gibt es keine Kriege, keinen Kapitalismus, keine Bettler und Arbeitslosen mehr…

Barbara Müller weist auf ein im doppelten Sinn vergessenes Ereignis hin: zum einen thematisiert sie die Besetzung des Ruhrgebietes durch alliierte Truppen in den 1920er Jahren. Sie weist dabei auf die bemerkenswerte Bedeutung des gewaltlosen Protestes gegenüber bewaffnetem Widerstand hin, ohne die Grenzen des gewaltfreien Handelns außer Acht zu lassen.

Edo Fimmens „Krieg dem Kriege“ ist ein Eigengewächs, aus dem Hause Anares. Edo Fimmen (1882-1942) war Antifaschist, Antimilitarist und Sekretär der bis heute bestehenden Internationalen Transportarbeiter-Gewerkschaft (ITF, aktuell sind dort mehr als 700 Mitgliedsgewerkschaften aus über 150 Ländern vernetzt). Fimmen und andere plädierten für einen Generalstreik im Fall einer neuerlichen Kriegsausrufung – ein Gedanke, der ebenfalls nichts von seiner Aktualität verloren hat.

„Wehret den Anfängen“ – dieser antifaschistische Slogan mag heute etwas hilflos und verstaubt klingen. Wenig bekannt ist, dass es in Italien eine Organisation gab, die genau dies für kurze Zeit erfolgreich versuchte, lange vor der bekannteren Resistenza. „Arditi del popolo – Der erste bewaffnete Widerstand gegen den Faschismus in Italien 1921-1922“ berichtet darüber.

Erste Beben“ berichtet über die die Bewegung der „Soulèvements de la Terre“, ein Netzwerk aus Aktivist*innen, Bäuer*innen, unterschiedlichen Kollektiven etc. Wie ein revolutionäres Handbuch beschreibt das Buch den inneren Aufbau der „Soulèvements“: Bezugsgruppen, lokale Komitees, dezentrale Aktionskampagnen, Regionalversammlungen, Vollversammlungen, Austausch von Fertigkeiten, Einrichtung von Kommunikationswegen, juristische Begleitung, Organe für die Medienarbeit.

Ulrich Klemm hat eine Menge Bücher über „Bildung ohne Zwang“ publiziert wie dieses und könnte als „Experte“ gelten, wenn dieser Begriff nicht inzwischen reichlich diskreditiert wäre. Hier gibt’s auch ein Interview mit ihm.

Über „Der Untertan“ von Heinrich Mann muss man nicht mehr viel sagen. Das Buch verdient es, gerade in dieser Zeit gelesen – oder erneut gelesen – zu werden! „Er ist ein Konformist, ein Obrigkeitstreuer, ein Feigling frei von Zivilcourage. Kein gutes Haar lässt Heinrich Mann am Protagonisten seines berühmtesten Romans“ (Dirk Heißerer).

Die Bücher des dieses Jahr verstorbenen Ingvar Ambjörnsen haben mich durch die letzten Jahrzehnte begleitet, nicht dabei, was mir, bis hin zu seinen Jugendbüchern, nicht gefiel – im Gegenteil, durchweg feiner Lesestoff.

Silvia Federici schrieb ein „Buch, das unter die Haut geht, nicht weil es so gefühlsgeladen wäre, sondern weil es scharfsinnig und originell analysiert, wie Frauen im Kapitalismus ihre Haut zu Markte tragen müssen – und wie ihre Körper Orte und Instrumente des Widerstands werden“ (Heribert Prantl).

Kreuzberg die Welt“ führt mit den Schwarz-Weiss-Fotos von Wolfgang Krolow in die rebellischen 1970er- und 1980er-Jahre Berlins. Seine Bilder sind parteiisch, er verortete sich auf der Seite der »einfachen Leute«. Krolows Sympathien galten insbesondere den Hausbesetzer*innen.

Neuerdings soll die Bahn ja sogar Züge aus dem Programm streichen, damit sie nicht in die Statistik der verspäteten Züge zählen. Stattdessen beteiligt sie sich an einem umstrittenen Schienenprojekt durch den brasilianischen Regenwald… Johann-Günther König skizziert hier kompakt den Bahnalltag, um nicht zu sagen Bahnwahnsinn, als „Betriebsablauf für Leidenswillige“.

Kein schönes Thema – aber ist nicht gerade das Jahresende eine Zeit, um über Humanität und das, was menschliches Handeln bestimmen sollte, nachzudenken? Europa zieht die Mauern hoch, während aufgrund zunehmender Kriege und Klimakatastrophen global die Flüchtlingszahlen zunehmen. Fakten statt Parolen bietet dazu meine Buchrubrik über Flucht & Migration. Ein Filmtipp zur richtigen Zeit in diesem Zusammenhang ist der Dokumentarfilm „Kein Land für Niemand – Abschottung eines Einwanderungslandes“.

Im Ziegelbrenner-Shop gibt’s auch eine Menge signierte Bücher. Zum Beispiel diesen Band mit schon klassischen Fotografien von Günter Zint (von ihm gibt’s zudem viele signierte Originalfotografien beim Ziegelbrenner!).

Ebenfalls signiert ist die glänzende, wunderbar respektlose Religionssatire „Magische Haut“ von Rolf Cantzen. Doch was heißt schon Satire: „In diesem Buch ist weniger erfunden, als es den Anschein hat“, so der Autor.

Und dann gibt’s natürlich noch eine richtige Schatzkiste: rare, besondere, wertvolle Bücher, die es meist wirklich nur im Ziegelbrenner-Shop gibt – ein Füllhorn von Besonderheiten. Ein Beispiel: eine bibliophile Ausgabe der Gedichte von Karl Marx.

Und sonst?

Was Anarchisten lesen“ weiß – ausgerechnet – die FAZ. Abgesehen davon, dass der Beitrag sachlich fehlerhaft ist, ist er doch mit Sympathie geschrieben. Und ich drücke dem „AnArchiv“ die Daumen, auf dass sich noch ein paar engagierte, tatkräftige Mitstreiter/innen für die Archivarbeit finden. Meine Sympathie ist, zumal als „Old-School-Anarchist“ (Jochen Schmück in „espero“), nur konsequent: immerhin komme ich selbst aus der „heimlichen Hauptstadt der Anarchie“ (Peter Sattler, Rheinischer Merkur, 12.12.1986) – was sich allerdings auf höchst fragwürdige Polizeieinsätze bezog, die allerdings wiederum eine Folge der damals sehr agilen linksradikalen Szene der Stadt waren.

(natürlich gibt’s deshalb beim Ziegelbrenner auch ein besonders umfassendes Anarchismus-Sortiment – über 1.000 Titel!)

Ich gratuliere den mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichneten Verlagen, unter denen einige sind, mit denen ich schon lange zusammenarbeite und die wirklich und wörtlich ausgezeichnete Bücher machen, darunter Unrast, Konkursbuch, Argument, Brandes & Apsel, Edition Nautilus, Maro, Ventil, der Verbrecher Verlag und Wagenbach. Es zeigt sich, was doch immer noch an gedruckten Köstlichkeiten herausgegeben wird!

Ach ja, die Medien. „Schwere Krawalle“ titelten diverse Medien anlässlich des Fußball-Länderspiels im Oktober 2025 im italienischen Udine zwischen Italien und Israel. Zufällig war ich Augenzeuge der Demo. Die meisten deutschen Medien von „taz“ bis „Zeit“ übernahmen die reißerische Reuters-Agenturmeldung weitgehend wörtlich. Fakt ist: es demonstrierten an die 15.000 Menschen (in einer Stadt mit 100.000 Einwohnerinnen eine beachtliche Zahl), darunter diverse Sportverbände, Gewerkschaften, Menschen jeden Alters und unterschiedlichster Herkunftsländer. Es war eine beeindruckend bunte und vielfältige Demo, weitestgehend friedlich und (soweit sich das bei dem Anlass sagen lässt) in guter, teils fast volksfestartiger Stimmung, am Rande kickten Jugendliche etc. Die Journalistenmeute aber brachte davon wenig, sie fokussiert sich auf wenige Momente und vielleicht 2, 3 Dutzend Menschen, die Gegenstände warfen – das wird als „schwere“, gar „bürgerkriegsähnliche Ausschreitungen“ bezeichnet (eine Empörung von der in den gleichen deutschen Medien übrigens anlässlich des genozidalen Massakers der israelischen Armee in Palästina monatelang wenig zu lesen war). Fraglich ist, ob das nicht gar provoziert war (ausgerechnet ein Journalist des regierungsnahen Senders RAI soll von einem Stein getroffen worden sein), denn EinwohnerInnen berichteten mir, dass die örtlichen Medien und Politiker schon tagelang alle, die an der Demo teilnehmen wollten, öffentlich als „Terroristen“ diffamierten und eine Angst verbreiteten, die dazu beitrug, dass fast alle Geschäfte und Bars in der Innenstadt geschlossen blieben. Die Medien erweisen sich mit ihrer Tendenzberichterstattung und ungeprüften Übernahme von Agenturmeldungen wieder einmal als Desinformationsmedien, als Agenten im Dienst der (speziell deutschen, denn in anderen Staaten ist der Kurs bei diesem Thema nicht ganz so einseitig) Staatsräson. Ja, die Medien – in meinem nächsten Buch („Antikriegsbuch – Warum Waffen nicht helfen und es eine antimilitaristische Bewegung braucht“, erscheint im Januar 2026 in der Buchmacherei!) wird ihnen wieder ein Kapitel gewidmet sein.

Das Stadtbild-„Problem“ ist ein Merz-Problem, eine kalkulierte Kuschelei mit den ganz rechten Rechten, bar aller Fakten. Nürnberg und Frankfurt haben einen Bevölkerungsanteil von über 50% mit Migrationsanteil, Stuttgart und Düsseldorf fast 50%, München, Hamburg und Berlin jeweils gut ein Drittel, das sind für Schland ausgesprochen hohe Werte. Dumm nur: eben diese Städte tauchen regelmäßig bei den Rankings der lebenswertesten Städte der Welt ganz oben auf. Literatur zur Stadt jenseits von Oberflächlichkeiten gibts hier im Shop.

Nur zur Erinnerung: Friedrich Merz, 70jähriger Vielflieger, BlackRocker, Phrasendrescher und im Nebenberuf Bundeskanzler, äußerte Ängste, wenn sich Klaus Wowereit (schwul) ihm nähern würde (2001), befand Kündigungsschutz zumindest bei älteren Menschen als überflüssig (2004), klagte gegen ein Gesetz über die Veröffentlichung von den Einkünften Abgeordneter (2006), hetzte gegen die angebliche Bevorzugung von Asylbewerbern gegenüber Deutschen bei Zahnärzten (2025) und sorgt sich nun um das Stadtbild aufgrund von Menschen, die so komisch aussehen (eben anders als er). Merz ist jemand, für den das Etikett „rechtspopulistisch“ noch verniedlichend ist.  So sondert Merz in karnickelhaftem Turnus seine Geistesgeburten aus sich heraus, rechtsoffenes Geschwurbel an der Grenze zum Schwachsinn – der gleichwohl eine Funktion und fatale Folgen hat. Die CDU als Synonym für unterkomplex. Toleranz kommt etymologisch von ertragen und erdulden. Angesichts der Entleerung der Merz´schen Sprechblasen in den Medien ist meine Duldsamkeit jedenfalls erschöpft. Weil: null Toleranz für den Stammtisch und dessen Stichwortgeber, von denen zu befürchten ist, dass sie wissen, was sie tun.

Unermüdlich spielt sich die Band „Strom & Wasser“ um Heinz Ratz durch die Republik und sammelt „nebenbei“ noch Gelder für einen Schutzfond für eine von Rechten bedrohte Soziokultur. Das ist wichtig, denn jede emanzipatorische, von geistigen Dünnbrettbohrern wie Merz, Spahn und ihren Geistesfreunden (die sie, weil in Konkurrenz im Stimmenfang, als Feinde ausgeben, so wie Brüder manchmal im härtesten Zwist zueinander stehen, weil sie so ähnlich sind) abweichende Kultur sieht sich mit Hassbotschaften, Schmierereien am Gebäude, öffentlichen Diffamierungen, Kürzungen im Kulturetat, persönlichen Bedrohungen und Anschlägen konfrontiert. Bei „Strom & Wasser stimmen Inhalt & Praxis wirklich überein. Musikalisch ist die Band eh eine feine Sache, vor allem live. „„Ska, Polka, Funk, Techno, Tango, Walzer, Rock – Strom & Wasser spielen souverän mit Versatzstücken, ohne dabei Gefahr zu laufen, in Klischees zu verfallen“, lautete mal ein Fazit.

Sein 100jähriges Jubiläum feiert das von Ernst Friedrich initiierte Anti-Kriegs-Museum in Berlin, das weiterhin ein Besuchstipp in der – inzwischen wieder – Hauptstadt der „Kriegstüchtigkeit“ ist.

Zum – fast – Schluss noch ein Rundfunk-Feature, auf das ich gerne Hinweise: Schwarze Kanäle – Piratenradios in der DDR. Wer hätte gedacht, dass es so etwas überhaupt gab?

Ansonsten gibt’s wenig Erfreuliches aus der Radiowelt zu vermelden. Der Reihe nach werden Jugendradio-Formate eingestellt, nun auch das Jugendprogramm Puls des Bayerischen Rundfunks. Wundere sich niemand, dass junge Menschen dann nur noch vorm Bildschirm sitzen, zocken, auf Smartphones herumwischen von lauter „X“-Hassbotschaften verblöden.

Einen dicken Dank an alle, die den Ziegelbrenner 2025 unterstützten (ihr wisst schon, wer gemeint ist), durch schwere Gewässer hindurch, was die politischen und branchenspezifischen Entwicklungen betrifft.

Selten war ein emanzipatorisches Mediensortiment so wichtig wie gerade heute. Werde auch Du Teil des Ziegelbrenner-Netzwerks, damit wir gemeinsam auch in Zukunft kraftvoll zubeißen können – am einfachsten mit einer einmaligen oder regelmäßigen Spende, die ganz einfach auch via PayPal https://www.paypal.com/donate?hosted_button_id=PNDXKQLD6DEGG geleistet werden kann.

Kommt gut über die Jahresend-Zeit & alles Gute für 2026!

Mit der konstruktiven Wut, dass die globalen Verhältnisse im neuen Jahr nicht bleiben mögen wie sie sind (in diesem Sinne: geh weg, altes Jahr – denn wo bleibt die Leidenschaft, wenn keine Hoffnung mehr ist?)

Es grüßt

Der Ziegelbrenner

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