Kaiser Susanne

Politische Männlichkeit – Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobil machen

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Beschreibung

Figuren wie Anders Breivik oder Elliot Rogers, Männerrechtler, Pick-Up-Artists, männliche Suprematisten wie Jordan Peterson oder Jack Donovan, neue Rechte, die breite transnationale Anti-Gender-Bewegung und nicht zuletzt natürlich auch rechtspopulistische Politiker wie Donald Trump oder Jair Bolsonaro werden von der Autorin „beschrieben, eingeordnet und zum Teil analysiert. Besonders im ersten Kapitel, in dem sie sich dem Phänomen der Incel widmet, gelingt es ihr, die ideologische Argumentationslogik der Szene aufzuzeigen. Frauen seien oberflächlich und würden nur mit attraktiven Männern ins Bett gehen wollen (die in der Szene als Chads bezeichnet werden). Der Feminismus habe dafür gesorgt, dass Frauen sich heutzutage ihre Sexpartner selbstbestimmt aussuchen könnten und daher bekämen nur die Chads noch Frauen ab. Und dieser Umstand macht sie sehr wütend. Ihren Frauenhass und ihre Gewaltfantasien entladen sie in Internetforen, in denen sie sich radikalisieren und zu Gewalttaten gegen Frauen aufrufen. Doch warum diese Wut? Susanne Kaiser argumentiert an dieser Stelle mit dem Soziologen Michael Kimmel, nach dem die Wut der Männer aus dem Gefühl der Kränkung resultiert: Der aus der Tradition abgeleitete, vermeintliche Anspruch auf eine Frau und eine ihnen angestammte Rolle innerhalb von Familie und Gesellschaft deckt sich für Männer mit misogynem Weltbild nicht mit den vorgefundenen Geschlechterverhältnissen. Der Aufruf, zu einer echten Männlichkeit zurückzukehren, die durch den Feminismus abhandengekommen sei, zeigt sich auch bei Autoren von Männerratgebern wie Jordan Peterson oder Jack Donovan. Beide argumentieren evolutionsbiologisch und legitimieren die männliche Dominanz gegenüber Frauen mit dem Paarungsverhalten verschiedener Tierarten. Bekannt geworden ist Jordan Peterson für den Rat, sich am Territorialverhalten von Hummern ein Beispiel zu nehmen. Beide Autoren naturalisieren so die Hierarchien einer patriarchalen Gesellschaftsordnung mit biologistischen Begründungen, was im Patriarchat eine lange Tradition hat. Selbige Anspruchshaltung ist auch bei Männern zu finden, die gegenüber ihren Partnerinnen gewalttätig werden. Diese denken, sie hätten Anspruch darauf, Frauen zu dominieren und Macht über sie auszuüben – widerspricht die Frau, entsteht das Gefühl von Kontrollverlust und der Bedrohung der eigenen Männlichkeit. Die Gewalttaten, die darauf folgen, sind als Versuch zu verstehen, die Männlichkeit wiederherzustellen und können in diesem Sinne als restaurativ bezeichnet werden. Kaiser argumentiert, dass auch die sogenannten Amokläufe der letzten Jahre als restaurative Gewalttaten zu verstehen sind. Und sie sind noch viel mehr als das: Sie sind eine Form der politischen Gewalt und als Terroranschläge zu bezeichnen, da hinter ihnen eine spezifische Ideologie und der Wunsch nach dem Umsturz der bestehenden Verhältnisse steht. Der Attentäter von Halle, Stephan Balliet, erläutert in seinem Live-Stream zur Tat und im späteren Gerichtsverfahren seine Weltanschauung: Der Feminismus sei schuld daran, dass im Westen die Geburtenraten sinken würden, was die Ursache für die Massenimmigration sei. Männer wie Balliet, der mit 27 Jahren noch bei seinen Eltern wohnte und noch nie eine Freundin hatte, bekämen daher aufgrund der steigenden Konkurrenz keine Frauen mehr ab. Der Attentäter scheint allerdings zu glauben, dass ihm aufgrund seines Geschlechts und seiner Herkunft eine Frau zustünde. An der Ausbreitung des Feminismus und den Bürgerrechtsbewegungen sei laut Incel-Ideologie aber eigentlich der Kulturmarxismus schuld, der durch die Migration jüdischer Intellektueller der Frankfurter Schule in die USA Einzug fand und sich später über die ganze westliche Welt verbreitete. So erklärt sich die Verknüpfung von Antifeminismus und antisemitischer Verschwörungserzählung und die antisemitische Motivation von Balliets Tat, der vor Gericht erklärte, dass er vor allem Juden töten wollte… Aufzuzeigen, wie diese Verschwörungserzählungen und der daraus resultierende Menschenhass mit einem spezifischen Männlichkeitsbild zusammenhängen, ist die Leistung des Buches. All die von Susanne Kaiser genannten Personen vereint letztlich der Wunsch nach einer dominierenden Männlichkeit und der Irrglaube, darüber geordnete und stabile gesellschaftliche Verhältnisse etablieren zu können, die es so nie gab und nie geben wird“ (kritisch-lesen.de).

Zusätzliche Information

Gewicht 600 g
Zustand

sehr guter Zustand, 268 S., kart.

Reihe

edition suhrkamp 2765

Autor

Erscheinungsort

Berlin

Erscheinungsjahr

2020

ISBN/ISSN-Nummer

978-3-518-12765-0

Verlag