Fünfunddreißigster Einwurf des Ziegelbrenners

Der „Corona“-Einwurf

Liebe Freundinnen und Freunde des gedruckten Buches,

bevor ich zum Thema komme hier noch eine kleine Anmerkung zum letzten Einwurf: dort hatte ich bemerkt, dass der Anteil der Menschen, die ihre Bücher hauptsächlich bei Amazon kaufen, auf 34% gesunken sei. Dies empfanden LeserInnen als sehr hochgegriffen. Tatsächlich geht es hier um die Kaufpräferenz. Die Zahlen basieren auf einer Umfrage, wonach gefragt wurde, wo die Bücher eben „hauptsächlich“ (was ich so auch geschrieben habe) eingekauft wurden. Das ist nicht zu verwechseln mit dem Anteil am Gesamtumsatz der Branche: dieser betrug nach einer Studie der Uni St. Gallen in Deutschland immer noch satte 20%. Das kann sich daraus erklären, dass diejenigen, die „hauptsächlich“ bei Amazon ihre Bücher kaufen, manches Jahr z.B. eben gar keine Bücher kaufen. Oder – vermutlich der größere Effekt – die bei Amazon gekauften Bücher sind im Schnitt günstigere Bücher, während teurere Titel im örtlichen Buchhandel gekauft werden. Immerhin, ein Konzern hat alleine einen Branchenanteil von einem Fünftel, das finde ich noch bedrohlich genug. Insgesamt hat Amazon – keineswegs nur mit Büchern und anderen Medien – 2019 in der BRD einen Umsatz von gut 20 Milliarden Euro gemacht, drei Milliarden mehr als im Vorjahr. Vom Buchgeschäft einmal abgesehen geht es also weiterhin nach oben. Womöglich hilft Corona da noch für 2020, weil sich nun noch weniger Menschen vor die Tür trauen.

Ja, willkommen im Corona-Zeitalter. Abgesagt sind die Leipziger Buchmesse, die Jugendbuchmesse in Bologna, der Salon du Livre in Paris, die London Book Fair, die Lit Cologne und andere wichtige Buchveranstaltungen. Corona hat Europa im Griff, was die ohnehin krisengebeutelte Branche zusätzlich belastet. Umso mehr, da die Buchproduktionen oft auf die Messezeiträume getaktet sind, in der BRD eben dann viele Bücher zum Beginn der Leipziger Buchmesse auf die Messestände und in die Buchhandlungen kommen. Nun fehlt das öffentliche Echo. Das ist bitter, denn Druckrechnungen müssen ja trotzdem bezahlt werden. Schwierig genug bei der dünnen finanziellen Decke vieler Verlage. Zumal viele Buchläden ohnehin leergefegt sind, weil in vielen Regionen die Menschen nur noch für die nötigsten Dinge das Haus verlassen – Bücher gehören offenkundig meistens nicht dazu. Das ist heikel für Buchläden, deren finanzieller Spielraum oft noch enger ist als der von Verlagen.

Warum schafft Corona das alles? Jede/r ist nun plötzlich Corona-ExpertIn, was die Unterscheidung zwischen seriösen Informationen und Humbug nicht leichter macht. Corona im Zeitalter der Fake News, eine unselige Kombination. Verschwörungstheorien grassieren. Manche wollen Wahrheiten kennen, wo selbst MedizinerInnen über die Gefährlichkeit uneins sind. Wie ansteckend ist das Virus überhaupt? Und wie gefährlich? Wie viele Infizierte sind zu erwarten? Das die Länder sehr unterschiedliche Zahlen von Infizierten ausweisen, hängt mit einem sehr unterschiedlichen Ausmaß an Erhebungen zusammen. So hat Italien frühzeitig in betroffenen Gemeinden Massentests durchgeführt, während in anderen Staaten vermutlich viele Menschen infiziert waren bzw. sind – nicht zuletzt in den USA -, bei denen es selbst zu keinem Ausbruch (oder nur einem leichten Krankheitsverlauf) kam. Staaten, in denen sich viele gar nicht den Gang zum Arzt leisten können (die Länder mit der höchsten Corona-Quote sind jene mit ausgeprägtem sozialem Gesundheitssystem – Schweiz, Dänemark, Schweden, Norwegen, Island). Immerhin gibt es sie noch, die guten Nachrichten: Brasiliens Präsident Bolsonaro (infiziert) soll seinem Kumpel Trump am 7. März die Hände geschüttelt haben. Doch im Ernst: Coronas Letalität (Medizinsprech für Sterblichkeitsrate) scheint niedriger als zunächst befürchtet, sie betrifft vor allem älteren Menschen. Wie bei Grippe, an der im Jahresschnitt in der BRD rund 15.000 Menschen sterben – global rund eine halbe Million Menschen jährlich -, ohne dass dies ein öffentliches Thema wäre. Allerdings wissen wir bisher vor allem, wie wenig wir wissen. So ist Vorsicht grundsätzlich natürlich eine sinnvolle Reaktion. Angst dagegen ist ein schlechter Ratgeber, Panik erst recht. Doch Corona, das ist nicht nur medizinisch das Unbekannte. Unbekanntes, das erregt Furcht. Umso mehr in einem Zeitalter, da sich die Menschen ängstlich zusammenducken bei der Vorstellung, das Geflüchtete ins Land kommen. Die kennt man ja nicht, man beschießt sie lieber vorher, damit sie es gar nicht erst bis zu unserem Gartenzaun schaffen. Ein bisschen wie mit Corona. Ach ja, Corona ist ja auch Ausländer/in.

Die Politik schreckt derzeit nicht vor unpopulären Maßnahmen zurück, siehe die Ausgangssperren in Italien, nach abgesagten Kulturveranstaltungen und Buchmessen inzwischen abgeblasene oder nichtöffentliche Fußballspiele etc. Fragt sich nur, warum sie dies – einschließlich der damit einhergehenden wirtschaftlichen Folgen – überhaupt riskiert. Da bleiben etliche Fragen offen. Die Gesellschaft nach dem Coronavirus wird jedenfalls eine veränderte sein. Wobei dieses Virus erst der Anfang sein wird, wenn wir uns die zu vermutenden Auswirkungen des Klimawandels auf künftige Pandemien vor Augen halten. Der Politik bietet Corona nun die Möglichkeit, zunehmend repressives Regierungsverhalten akzeptanzfähig zu machen. Dazu passt der Appell an sozialen Abstand: das Robert Koch Institut rät nun zu „sozialer Distanzierung“, zu Abstand zwischen den Menschen. Öl auf die Mühlen aller GegnerInnen einer offenen Gesellschaft. Übrigens, noch am Wahlabend in Hamburg (23. Februar) äußerten unlängst 18%, dass sie die AfD gerne in der Bürgerschaft sehen – gewählt wurde die Partei letztlich nur nicht, weil andere Themen als Migration für die Wahlentscheidung wichtiger waren. Und die WählerInnen sich in Sachen Flüchtlingsabwehr sicher sein können, dass die anderen Parteien die Botschaft verstanden haben. Nicht zuletzt hinsichtlich der Haltung zu Flüchtlingen wird der Rat der „sozialen Distanzierung“ jedenfalls ankommen. Die Gesellschaft wird unter Corona abermals kälter. Jenes Gut, welches nun am kostbarsten wäre, wird noch seltener: die Vernunft.

Zurück zum Buch: nun gilt es, die Buchbranche zu retten. Menschen kaufen dieser Tage locker mal eben ihren Jahresvorrat an Klopapier und Nudeln. Das ist unsinnig. Der Buchbranche würde das Hamstern – nein, sprechen wir besser von Bevorratung… – in schwierigen Zeiten aber helfen. Kauft Bücher, so lange es die Läden noch gibt. Am besten gleich den Jahresvorrat, so lange es noch keine Ausgangssperre gibt. Das hilft eurem Buchladen über die nächsten – so oder so schwierigen – Monate. Eine gut sortierte Bibliothek ist schließlich die Speisekammer für Herz & Hirn. Bücher sind die Medizin für einen klaren Kopf. Nebenwirkungen bei Überdosierung sind nicht bekannt. Und ihr müsst weniger oft für euren Lesevorrat vor die Tür. Viele Buchläden haben zudem einen Webshop, bzw. schicken sie die Bücher zu, wenn sie telefonisch von ihren StammkundInnen bestellt werden. Wer keinen Laden seines Vertrauens in der Nähe hat, kann, als Corona-Sofortmaßnahme, jetzt alle lieferbaren Bücher gerne auch beim Ziegelbrenner bestellen. Es muss schließlich nicht immer Amazon sein. Bloß, wie erfahren dies die Menschen? Hier können wir von Corona und anderen Viren lernen: sie verbreiten sich im Schneeballsystem. Also, streut diesen Einwurf weiter in euren sozialen Kanälen.

Ansonsten aber: es gibt sie noch, die guten Buchläden. Nutzt sie, damit sie weiter erhalten bleiben. Übrigens, was ist eure Lieblingsbuchhandlung?

Es grüßt

Der Ziegelbrenner

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